Arbeitsleben

Nach den ersten ruhigen Tagen, die ich dazu genutzt habe anzukommen, mich in meinem neuen Umfeld einzuleben und die Ruhe zu genießen, hat diese Woche mein Arbeitsleben in Namibia begonnen. Da im Wildtierbereich momentan wenig Aufträge sind, fahre ich an meinen „freien“ Tagen in die Tierarztpraxis nach Windhoek und helfe dort. Die Farm, auf der ich wohne, liegt ungefähr 30 km und 45 Minuten Fahrtzeit außerhalb von Windhoek. Daher muss ich mich für die Wege in die Stadt nach dem Familienalltag richten und fahre mit, wenn die Kinder zur Schule gebracht werden. Aufgrund der hohen Temperaturen zur Mittagszeit, insbesondere im namibischen Sommer, fängt die Schule bereits um 7:00 Uhr an, um mittags früher Schulschluss zu haben. Morgendliche Abfahrt ist daher im Dunkeln und bei knappen 1°C um 5:45 Uhr.

Aber auch der Praxisalltag beginnt bereits um 7:00 Uhr und aufgrund des Schulrückweges endet er für mich gegen 13:00 Uhr. In der ersten Arbeitswoche habe ich vor allem Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdeckt und versucht die Unterschiede mit Wissen zu füllen, um mich gut in den Praxisalltag einzufügen und helfen zu können. Es ist sehr erstaunlich wie viele Gemeinsamkeiten die Praxis in Windhoek mit meiner alten in Hannover trotz der knapp 9.000 km Distanz hat.

Am auffälligsten ist wohl der sehr gleiche räumliche Aufbau: es gibt eine Rezeption, Wartezimmer, Apotheke, Futtermittelraum, Behandlungszimmer, Labor, Röntgen, OP, OP-Vorbereitung, Station und eine private Küche für die Mittagspause. An den Wänden hängen medizinische Bilder und in den Räumen stehen medizinische Bücher, die beide größtenteils auf deutsch sind. Im Praxislabor werden alle gängigen Blut-, Kot- und Urinuntersuchungen durchgeführt, alles weitere wird ans Labor nach Südafrika geschickt. Am Röntgenraum hängt ein Schild mit „Unerlaubter Zutritt verboten“. Es gibt eine Terminsprechstunde, wobei Operationen am Vormittag stattfinden und auch die langen Arbeitszeiten erinnern sehr an deutsche Verhältnisse im Praxisalltag:
Weekdays: 7:00-18:30 with consulting between 7:00-12:00 and 16:00-18:30 Uhr
Saturdays: 8:30-12:00 for consulting

Größtenteils werden hier Hunde, Katzen und Vögel behandelt und die Fälle unterschieden sich auch kaum von denen in Deutschland. Morgens finden die Operationen statt: häufig Zahnsanierungen und Kastrationen. Tiere werden hier sehr früh kastriert, um eine folgenreiche Begegnung mit einem Wildhund zu umgehen. Außerdem ist eine Ovarhysterektomie, also die Entfernung der Ovarien (Eierstöcke) und des Uterus (Gebärmutter), Standard.

Konsultationen umfassen häufig Impfungen, Lahmheitsuntersuchungen mit Röntgen, Blutuntersuchungen oder Abszesse. Insbesondere die Arbeitshunde auf Farmen fangen sich häufig einen Fremdkörper ein, der sich entzündet. Diese Tiere bleiben meist einige Tage auf Station, da sie erst einmal nicht arbeiten dürfen.

Neu waren für mich die Untersuchungen und Behandlungen von Vögeln, die ich bislang kaum kannte. So war ich mir anfangs sehr unsicher, wie ich die Tiere halten und fixieren sollte, aber man wächst mit seinen Aufgaben. Und genau das habe ich mir erhofft: Erfahrungen, Wissen und Eindrücke sammeln, die ich mit nach Deutschland nehmen kann.

Und wachsen tue ich vor allem an den Unterschieden, dieman im täglichen Arbeitsalltag überall findet: Eintritt erhält man in die Praxis nur, wenn man klingelt und die Sprechstundenhilfe persönlich die Tür öffnet. Dies ist eine Sicherheitsmaßnahme vor Überfällen. Dem gegenüber werden Sicherheitsmaßnahmen im Sinne des Arbeitsschutzes allerdings eher gering bewertet: Handschuhe, Mundschutz und Haube sind bei verschiedensten Aufgaben nicht vorgesehen und beim Röntgen gibt es keine Dosimeter oder über die Röntgenschürze hinausgehenden Schutzmaßnahmen.

Außer den drei Tierärzten hat keiner der Angestellten eine Ausbildung, das heißt es gibt keine Tiermedizinischen Fachangestellten wie bei uns in Deutschland. Die Aufgaben der Tiermedizinischen Fachangestellten werden auf der einen Seite durch drei Arbeiter (Hilfs- und Putzarbeiten) auf der anderen Seite durch die Tierärzte (Laboruntersuchungen und Beratungsfunktion) übernommen. Insofern haben die Tierärzte eine größere Arbeitsbelastung, da sie alle medizinischen Themen alleine übernehmen: Laboruntersuchungen, Beratung der Tierhalter über Ernährung/Futtermittel/Haltung, Medikamentenabgabe und Erläuterungen dazu, Erklärungen zur Behandlung, zur Krankheit und deren Verlauf, Aufziehen von Injektionen, Vor- und Nachbereitung von Behandlungen, Eintragungen und Abrechnung von Behandlungen, administrative Aufgaben, wie Bestellungen, Buchhaltung und Organisatorisches.

Da die Tierärzte fachliche Hilfe und Vor- und Nachbereitung der Behandlung nicht gewohnt sind, muss ich meine Rolle in der Praxis erst ein wenig finden und schaffen. Ich komme mir etwas penetrant und aufdringlich vor, immer wieder meine Hilfe anzubieten und quasi aufzudrängen. Und auch die Tierhalter sind kaum gewöhnt Erläuterungen von Helferinnen zu bekommen. Immer wieder werde ich gefragt, ob ich fertige Tierärztin bin oder zumindest Tiermedizin studiere. Weil weder Tierärzte, noch Tierhalter in Namibia das Aufgabengebiet oder fachliches Wissen eines Tiermedizinischen Fachangestellten kennen, wird einem viel Anerkennung entgegengebracht, die ich sehr positive finde.

Leider ist das Berufsbild der Tiermedizinischen Fachangestellten in Deutschland komplett unterschätzt und erhält nur wenig Anerkennung. Und auch ich habe gemerkt, wie ich selber mich diesen Arbeitsbedingungen gebeugt und es damit abgetan habe, dass es nun mal so ist. Aber warum ist es nun mal so? Weil wir zu wenig sagen, weil wir uns die Meinung der Gesellschaft aufdrücken lassen und zu wenig dagegen machen, weil wir dann häufig doch zu bequem sind und Lösungen auf morgen verschieben? Was wenn man einfach mal all seinen Mut zusammen nimmt und das Projekt startet, was einem schon so lange unter den Fingern brennt?

Dann landet man in Namibia mit einem Blog, in dem es darum geht, andere Tiermedizinische Fachangestellte auch dazu zu bewegen, mehr aus ihrem Beruf zu machen und all die Möglichkeiten, die unser Beruf bietet, zu erkennen. Ich freue mich, auf alles, was noch kommt und hoffe, euch ein wenig inspirieren zu können.

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