„Dart is in“

"Dart is in"

„Dart is in“ schallt es durch das Funkgerät und dann wird es hektisch. Der Pickup, auf dessen Ladefläche ich stehe, befolgt die Anweisungen des Helikopters, rast mit bis zu 80km/h querfeldein über den holperigen Sandboden und wirbelt diesen in große Staubwolken auf. Ich ducke mich vor Büschen, die in unseren Weg hineinragen und halte mich an den Eisenstangen des Pickups fest. Der Fahrtwind weht durch meine Haare, die Sonne brennt auf meiner Haut, das Adrenalin schießt in mein Blut, ich bin komplett anwesend und wachsam. Neben mir stehen noch 3-4 Helfer; sie sind Schwarze, ihre Kleidung alt und abgewetzt, sie unterhalten sich leise auf Oshiwambo. Der Farmer sitzt am Steuer, spricht übers Funkgerät und schreit die Anweisungen zu uns nach hinten.

„Dart is in“ bedeutet, dass das entsprechende Tier -meist Antilopen- seine Medikamente zur Sedation erhalten hat, dass der Tierarzt das Tier mit dem vorher geladenen Dart aus dem Helikopter angeschossen hat. Meist dauert es nur wenige Minuten bis es sediert ist und sich niederlegt.

Erblicken wir die entsprechende Antilope, wird das Geschehen plötzlich langsam und ruhig; der Pickup drosselt sein Tempo, niemand spricht, wir beobachten. Das Tier wird langsamer, bleibt hinter der Herde zurück, hebt die Füße höher, läuft stakelig, taumelt und fällt. Jemand nähert sich ihm langsam und leise, bringt es schnell unter Kontrolle, die Augen werden mit Masken abgedeckt, über die Hörner werden Rohre gestreift.

Schnell springe ich vom Pickup, renne durch den namibischen Busch, ein kleines Köfferchen mit den wichtigsten Medikamenten in der Hand. Während die Helfer die Antilope auf die Matte heben, richtig lagern und unter Kraftaufwand auf den Pickup heben, wusel ich um das Tier, gebe Injektionen in den Muskel und unter die Haut, kontrolliere die Atmung und die Lagerung.

Antilopen sind Wiederkäuer; werden sie falsch gelagert, kann es zu Regurgitation (= Hochwürgen) und anschließende Aspiration (= Einatmung) des Speisebreis kommen. Problematisch sind auch Aufgasungen, die in Folge der verlagsamten Peristaltik auftreten können, wenn das Tier zu lange sediert ist. Daher muss alles schnell gehen.

Meist werden mehrere Tiere gleichzeitig sediert, sodass das nächste Tier bereits eingesammelt werden muss. Der Pickup rast wieder los, es holpert und rappelt, es ist eng; ich ducke mich, konzentriere mich auf das Tier und seinen Zustand, ziehe Injektionen auf. Und dann wird das zweite Tier aufgeladen, das dritte, das vierte; und irgendwo dazwischen bin ich. Es ist stressig, actionreich, in einem positiven Sinn chaotisch und ich liebe den Nervenkitzel. Für mich bleiben einige Anweisungen unklar, wirr; es wird viel Afrikaans gesprochen. Ich beobachte, passe mich der aktuellen Situation an und reagiere schnell.

Dann werden die Tiere in einem neuen Camp abgeladen oder in Transporter verladen. Die Antilopen sind schwer, unhandlich, erschrecken bei lauten Geräuschen, treten  um sich, die Männer sind angestrengt, der Farmer gestresst. Das Gegenmittel zum Aufwecken wird intravenös gespritzt, sodass die Tiere schnell wach werden. Sie schauen sich hektisch um, erschrecken, springen auf und galoppieren davon.

Es sind keine 15 Minuten vergangen, seitdem das erste „Dart is in“ ertönte. Ein Satz, den ich wohl nie mehr vergessen werde…

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