Erste Eindrücke

Die ersten Tage nach meiner Ankunft in Namibia waren wunderbar ruhig. Ich habe weder gearbeitet, noch Tiere behandelt, noch mich sonderlich hart angestrengt. In meinen ersten Tagen bin ich ins Leben auf der Farm eingetaucht: in die Ruhe und Stille, in ein Leben ohne Stress, ohne Ablenkung, mit viel inneren Frieden, Zufriedenheit und Zeit für dich selbst. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal in Deutschland so auf den Pausenknopf gedrückt und mich komplett zurückgezogen habe.

Auf jeden Fall ist es so lange her, dass ich mich anfangs nur schwer auf diese Ruhe einlassen konnte. Ständig habe ich mich selber gestresst, dass ich noch Fotos von Giraffen machen, mich ausruhen, die Umgebung genießen, spazieren, lesen, schlafen, schreiben MUSS. Ich habe es selbst hier, in der totalen Abgeschiedenheit der Farm ohne jeglichen Auto-, Flugzeug- oder Straßenlärm, ohne Fernseher und ohne ständige Erreichbarkeit geschafft, mir Stress zu schaffen.

Vielleicht bin ich ein eher gestresster Typ, aber vielleicht ist es auch unsere Lebensart in Deutschland, die dazu führt. Namibia ist einer der Staaten mit der geringsten Bevölkerungsdichte weltweit. Während in Deutschland pro km2 237 Einwohner leben, kommen in Namibia nur 2,55 Menschen auf einen km2. Viele Menschen führen zu viel Lärm, viel Müll, viel Ablenkung, viel Arbeit, vielen Eindrücken und wenig Rückzugsmöglichkeiten, die ich hier auf der Farm in großem Maße habe. Da in Namibia momentan Winter ist, ist es nur knapp 11 Stunden hell und die Temperaturen klettern -insbesondere in den Morgen- und Abendstunden- deutlich unter 0°C, sodass man sich gerne in die Gemütlichkeit zurückzieht. Und mittags ist es dann mit 25-30°C wieder so warm, dass man eine Siesta braucht. Es ist tatsächlich so, dass es innerhalb weniger Stunden Temperatursprünge von 20°C gibt.

Allerdings gibt es auch in Namibia viel „Müll“: hohe Arbeitslosigkeit, ungleiche Einkommens- und Bodenverteilung, geringe Qualität des Bildungssystems, Korruption, Verknappung der Ressourcen und Wilddiebe. Da das Land mit seinen Ressourcen wenig fruchtbar ist, liefert es nur wenige Arbeitsplätze, die zumeist schon mit Fachkräften besetzt sind. Und wie das leider so ist: Extreme Ungleichverteilung von Lebenschancen führt zu Unzufriedenheit, Abgrenzung und Trennung -hier leider häufig von Schwarzen und Weißen.

Vorgestern ging dann mein Arbeitsleben in Namibia los und das sehr früh: Um 4:15 Uhr bin ich aufgestanden, habe kurz gefrühstückt und um 4:45 Uhr ging es bei -3°C los. Da die Farm, zu der wir gefahren sind, auf knapp 2.000m Höhe liegt, wurde es immer kälter und schließlich kamen wir um 8:00 Uhr bei -9°C an. Da in Namibia nur wenige Straßen asphaltiert sind, fuhren wir lange über holprige Schotterstraßen in den Sonnenaufgang. Ich saß hinten, eingemummelt in meine Jacke, habe meine Hände an der Thermoskanne gewärmt und noch ein wenig meine Augen geschlossen.

Auf der Farm wurden wir bereits erwartet und sehr herzlich begrüßt. In Namibia wird viel Afrikaans gesprochen, von dem ich aufgrund der Nähe zu Niederländisch zumindest einige Bröckchen verstehe. Da der Umgangston unter den Farmern mitunter sehr rau ist und viele Witze auf Kosten des Anderen gemacht werden, ist es gar nicht so schlimm, dass ich einiges nicht verstehe; ich lache einfach an den richtigen Stellen brav mit.

Nach einem gemütlichen Kaffee und Tee, fing dann die Arbeit an. Wir waren auf der Farm, um 400 Kudus, eine afrikanische Antilopenart, gegen Tollwut zu impfen. Tollwut ist in Namibia ein recht großes Thema und es sterben jährlich immer noch viele Tiere und einige Menschen an Tollwut. Insofern kann das Nicht-Impfen schnell zum Ausrotten des ganzen Bestandes führen.

Zunächst wurde der Helikopter betankt, die hintere Tür ausgehangen und Impfstoffe eingeladen. Der Tierarzt hängt beim Impfen an der Seite hinter dem Fahrer aus dem Helikopter raus und schießt die Tiere mit den vorher befüllten Darts ab. Dabei fliegt der Helikopter recht abenteuerliche Manöver und sehr dicht über den Bäumen entlang, um dem Schützen eine gute Schussbahn zu gewährleisten.

Um zu verstehen, wie der Impfvorgang abläuft, durfte ich im Helikopter mitfliegen. Da dies mein erster Helikopterflug war und dann noch unter erschwerten Bedingungen, war ich etwas aufgeregt. Ich hatte echt Angst, dass mir bei der Flugweise schlecht wird und ich mich gleich am ersten Arbeitstag übergeben muss. Immerhin hätte ich die Witze und Kommentare über mich nicht verstanden.

Ein Helikopterflug ist im Gegensatz zum Flugzeug sehr wendig und man bekommt kaum mit, wie schnell der Helikopter seine Geschwindigkeit erreicht. So kamen wir auf gerader Strecke auf knapp 180 km/h. Um die Tiere gut darten zu können, flog der Pilot tatsächlich sehr waghalsig und mir wurde etwas flau im Magen, aber ich habe mich nicht übergeben und es sogar genießen können.

Außerdem habe ich verstanden, wie der Tierarzt unterscheidet, welche Tiere er bereits geimpft hat und welche noch nicht: Der Pilot fliegt das umzäunte Gebiet systematisch ab und treibt die bereits geimpften Tiere in eine Richtung. Außerdem werden für die Böcke sogenannte Marker-Darts mit Tinte verwendet.

Bis zum Mittag wurde klar, dass deutlich mehr als 400 Tiere auf der Farm leben, und bis zum Abend wurden knapp 700 Tiere gegen Tollwut geimpft. Unsere Aufgabe war es größtenteils am Boden abrufbereit zu sein, aufkommende Probleme zu beseitigen und Darts mit Impfungen vorzubereiten. Als ich irgendwo in Namibia auf dem staubigen Feld stand und diese aufzog, habe ich mich daran erinnert, wie Impfungen in meinem bisherigen Arbeitsalltag abgelaufen sind: Besitzer kamen mit ihren Tieren in die Praxis, sie wurden allgemein untersucht und schließlich geimpft. Schwierig wurde dies höchstens, wenn die Katze böse oder der Hund bissig war. Manchmal wäre es wohl auch praktisch gewesen, diese aus der Ferne mit dem Impfstoff abzuschießen.

Gegen 20 Uhr kamen wir dann abends wieder auf der Farm an und ich fiel nach einer warmen Dusche müde ins Bett.

Am nächsten Tag starteten wir etwas später, damit es bereits etwas wärmer war, als wir auf der Farm ankamen. Außerdem hatten wir dort nur einen kurzen Auftrag: Ein Oryxbock sollte innerhalb der Farm von einem Bereich in den anderen umgesiedelt werden und musste dafür kurzzeitig sediert werden. Dabei wird dieser aus der Ferne vom Auto aus angeschossen und wenige Minuten später kann er bereits transportiert und umgesiedelt werden. Während dieses Transportes war es unsere Aufgabe hinten auf dem Pickup die Atmung des Oryx zu überwachen; Narkoseüberwachung in Namibia. Alles in allem war diese Aktion innerhalb einer halben Stunde vorbei und der Oryx schaute sich noch etwas bedüdelt in seinem neuen Gebiet um.

Ich finde es wunderbar, den ganzen Tag an der frischen Luft, in der Natur und unterwegs zu sein. So bekomme ich die Chance viele Teile von Namibia zu sehen und viel zu erleben. Die Arbeit mit Wildtieren ist ganz anders und viel robuster. Es geht viel um Schnelligkeit, Präzision und Handeln. Ab Montag arbeite ich dann in der Praxis in der Stadt bis wieder neue Wildtieraufträge rein kommen.

1 Kommentare

  1. Antje Jakob

    Liebe Lara,
    was für eine wundervolle Website!
    Unglaublich, wie viele Eindrücke du – trotz deiner Bemühungen, dich zu entschleunigen 😉 – schon sammeln durftest! Die Impfmethode aus dem Helikopter hat ja durchaus etwas, wenn man an manch grantige Katze in deutschen Praxen denkt 🙂
    Sei herzlich gegrüßt von Antje

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