Jagdtourismus

Namibia, Outback, Weg, Berge

Der Jagdtourismus ist ein Thema, mit dem ich seit meinem Aufenthalt in Namibia immer wieder konfrontiert werde. Ich muss gestehen, dass ich diesen -ohne mich tiefergehend mit dem Thema beschäftigt zu haben- sehr und in allen Konsequenzen kritisiert und abgelehnt habe. So ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum Menschen aus der ganzen Welt in afrikanische Länder reisen nur um ein wildes Tier zu töten. Davon nicht selten Tiere, die vom Aussterben bedroht sind. Ich kann nicht verstehen, warum sich diese Menschen auf sozialen Netzwerken zeigen und neben den erlegten Tieren glücklich posieren, warum man Spaß am Jagen hat und wie man auch noch stolz auf sich sein kann, diesen ungleichen Kampf gewonnen zu haben. Ich verstehe nicht, warum das Erschießen von Wildtieren so viel Geld wert sein kann und wie dieses Erschießen überhaut einen Wert, den man in Geld misst, haben kann.

Berge, Namibia

Nachdem ich mich in den letzten Wochen ansatzweise mit der namibische Sichtweise zum Jagdtourismus auseinander gesetzt habe, kann ich trotz meiner inneren Ablehnung gegenüber den Jägern nachvollziehen, warum diese in einem gewissen Maße für Namibia wichtig sind. Tourismus bringt Geld: Geld für Flüge, Geld für Autovermietung, Geld für Lodges, Geld für Essen, Geld für Gastronomie, Geld für das Erschießen von Tieren. Und dieses Geld bringt Arbeitsplätze; Arbeitsplätze und den wirtschaftlichen Aufschwung, den dieses Land dringend braucht. So benötigt ein Farmer Angestellte, die sich um die Tiere kümmern und sie versorgen, die die Anlage und Zäune instand halten und die sich um Gastronomie und Hotellerie kümmern. Angestellte, die nun endlich eine Aufgabe haben, Geld verdienen, ein eigenes Leben führen und ihren Lebensstandard steigern können. Laut des namibischen Umweltministeriums wurden durch den Jagdtorismus knapp 15.000 Jobs geschaffen.

Hier ein paar Beispiele für die Kosten, die für den Jäger anfallen: einen Springbock, Oryx oder Strauß kann man schon für 350 € schießen; Zebra, Impala oder Gnu kosten 750 €; Eland, Giraffe, Kudu oder Wasserbock fangen bei 1.200 € an und teuer wird es dann bei Leopard, Gepard oder Hyäne ab 2.000 €. Hinzu kommt der Tagessatz pro Jäger, die Jagdlizenz, eine Leihwaffe und Getränke. So ist man ohne Kosten für das Erschießen eines Tieres locker bei 2.000€, die nur an die Huntingfarm gehen. Flugkosten, Autovermietung, eventuelle andere Hotels und Touren, Lizenzen zum Jagen und Versicherung und Versand der Trophäen ausgenommen.

Es wird schnell klar, dass Namibia mit dem Jagdtourismus Millionen verdient; allein im letzten Jahr knapp 35 Millionen Euro. Somit steigert das Geld der Jäger den wirtschaftlichen Wert der Tiere und bietet insofern einen Anreiz diese vor Wilderern zu schützen. Wildtiere galten lange als unwirtschaftliche Schädlinge, die nun einen hohen Wert bekommen haben, der sie schützenswert macht. Ein Verbot der Trophäenjagd würde dem Naturschutz Ressourcen entziehen und den Verlust von Wild beschleunigen, warnt die Weltnaturschutzunion. Namibia vertritt eine pragmatische Haltung: Sterben einige wenige Tiere für viel Geld, kann dieses Geld für den Schutz der übrigen eingesetzt werden. So warnte auch der namibische Umweltminister Pohamba Shifeta, dass ein Ende des Jadtourismus ein Ende des Naturschutzes in seinem Land bedeuten würde.

Namibia, Landschaft, BaumEinige andere afrikanische Länder, wie Kenia und Botswana, verbieten hingegen die Großwildjagd vollständig und hoffen darauf, dass ein gelungener Wechsel von Jagdtourismus zu Fototourismus erfolgt. Bei diesem stellen nicht tote sondern lebendige Tiere den größten Wert dar. Oberstes Ziel ist es, diesen Wert zu erhalten. Denn sollten die Tiere ihren materiellen Wert verlieren, verlieren sie auch ihren Schutz. Leider wird auch beim Fototourismus kein freier Lebensraum für die Tiere geboten, denn Massentourismus schädigt den natürlichen Lebensraum der Tiere stark. Durch seine enorm egozentrische Lebensweise hat der Mensch die Hoffnung auf ein natürliches Leben der Tiere wohl längst zerstört.

Einige europäische Länder verbieten die Einfuhr von Jagdtrophäen, immer mehr Airlines und Luftfrachtgesellschaften verbieten oder beschränken den Transport von Trophäen. Doch der Transportboykott greift wohl nur die Spitze des Eisberges an.

Unabhängig, ob ein Einzelner dem Jagdtourismus eher positive oder negative Auswirkungen zuschreibt, so ist die größte Bedrohung für Afrikas Tierwelt eine andere: die Wilderei. Die größten Bedrohungen für die in Namibia lebenden Menschen hingegen sind: Armut, Arbeitslosigkeit, Mangelernährung, Krankheiten und mangelnde Perspektiven.

Namibia hat aufgrund seiner Landschaft wenig natürliche Ressourcen, mit denen es Gewinn erwirtschaften kann. Nimmt man dem Land nun den Jagdtourismus, nimmt man wohl auch eine große Hoffnung auf Besserung der Lebensverhältnisse.

Hoffnung machen gleichermaßen gute Projekte des namibischen Tierschutzes: Denn auch wenn der Elefant weltweit vom Aussterben bedroht ist, so gibt es in Namibia so viele Elefanten, dass durch sie ganze Landstriche zerstört und bedroht werden. Die Elefanten zerstören ihren eigenen Lebensraum. Insofern sollen Elefanten aus Namibia in den Kongo umgesiedelt werden, um den Elefanten einen geeigneteren Lebensraum zu bieten.

Ich glaube, wir Europäer haben aufgrund unserer unheimlichen Fülle in allen Bereichen einen anderen Blickwinkel, als die Menschen in Namibia. Wir haben ganz andere Probleme als die Menschen hier, denen wir nicht mit Abneigung und Unverständnis entgegen treten sollten. Denn Bekämpfen und Missachtung führt zu noch mehr Abgrenzung und gegenseitigem Widersetzen. Und diese Energie beim gegenseitigen Bekämpfen zu verlieren, können wir uns im Namen der Tiere nicht leisten!

Zum Abschluss möchte ich noch eine alte Geschichte der Huainanzi wirken lassen:

„Ein alter Mann und sein Sohn bestellten gemeinsam ihren kleinen Hof. Sie hatten nur ein Pferd, das den Pflug zog. Eines Tages lief das Pferd fort.
„Wie schrecklich!“ sagten die Nachbarn, „welch ein Unglück.“
„Glück oder Unglück? Wer weiß das schon…“, erwiderte der alte Bauer.
Eine Woche später kehrte das Pferd aus den Bergen zurück. Es brachte fünf wilde Pferde mit in den Stall.
„Wie wunderbar!“ sagten die Nachbarn, „welch ein Glück.“
„Glück oder Unglück? Wer weiß das schon…“, sagte der Alte.
Am nächsten Morgen wollte der Sohn eines der wilden Pferde zähmen. Er stürzte und brach sich ein Bein.
„Wie schrecklich!“ sagten die Nachbarn, „welch ein Unglück!“
Der Bauer antwortete nur: „ Glück oder Unglück? Wer weiß das schon…“
Drei Tage später kamen die Soldaten ins Dorf und holten alle jungen Männer in den Krieg. Den Sohn des Bauern konnten sie nicht brauchen. Er blieb als einziger verschont.
Glück oder Unglück. Wer weiß das schon!

Aus: Der Pfad des friedvollen Kriegers, Dan Millmann

4 Kommentare

  1. Hey meine Liebe, was für eine schöne Geschichte, genau diese erzählte Byron Katie in Wien 🙂

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