Vipassana

Vipassana, Ruhe, Tafelberg, Cape Town

Meer, Cape Town, NachdenklichkeitSchweigen für 10 Tage… kein Wort, keine Gestik, keine Mimik, kein Augenkontakt; ebenso kein Buch oder Notizbuch, kein Handy, kein Laptop, keine Kamera, kein Fernseher, keine Musik, kein Luxus. Dafür viel Ruhe und Stille, Zeit zum Meditieren, Zeit zum Nachdenken, Zeit für mich, Zeit bei mir anzukommen, Zeit ohne Stress, Ablenkung und Lärm. 10 Tage Pause von der hektischen Welt, 10 Tage Pause vom Alltag, 10 Tage Leben in einer Seifenblase, 10 Tage Harmonie und Liebe, 10 Tage Sicherheit und Schutz, aber auch 10 Tage voller Emotionen; von Glück, Liebe, Freude, Leichtigkeit über Verlangen bis hin zu Trauer, Wut, Verzweiflung, Ablehnung und Hass. Jeder Tag gleicht einem kleinen Leben, eine Achterbahnfahrt der Gefühle, stetiger Wandel.

Diese 10 Tage waren definitiv die längsten meines Lebens, aber es waren auch mit Abstand die erkenntnisreichsten. Es ist unmöglich in Worte zu fassen, was mit einem passiert, wenn man 10 Tage schweigt und anfängt sich nur mit seinem eigenen Geist, seinen eigenen Gefühlen und Empfindungen auseinander zu setzen. Und ebenso wird jeder Mensch andere Erfahrungen machen.Reiselust, Cape Town, Tafelberg, Lara Kunst

Ich befinde mich seit Ende Juni auf Reisen, aber Vipassana war definitiv eine der weitesten Reisen meines bisherigen Lebens; es war eine Reise im Inneren, eine Reise zu mir selbst, zu meinem Kern.

Vipassana ist die ursprüngliche Meditationstechnik von Buddha, durch die er Erleuchtung erlangt hat. Erleuchtung bedeutet demnach, frei von Leid zu sein. Und laut der Lehre von Vipassana gibt es zwei Gründe für unser Leid: Ablehnung und Verlangen. Entweder es passiert etwas in unserem Leben, dass wir nicht wollen und ablehnen oder etwas, das wir verlangen und erhalten wollen. Jeder Reiz wird dabei nach diesem System wahrgenommen, bewertet und kategorisiert und mündet schließlich in einer Reaktion.

Reiz >> Wahrnehmung (bewusst/unbewusst) >> Bewertung >> Gefühl (Ablehnung/Verlangen) >> Reaktion

Erleuchtet zu sein bedeutet hingegen, so stark in sich selbst zu ruhen, dass einen äußere Reize nicht berühren, dass man immer gleichbleibend voller Mitgefühl und Liebe ist. Es geht darum, dass man nicht mehr blind reagiert, sondern sich, seine Gefühle und seine Emotionen bewusst wahrnimmt und bewusst handelt. Die meisten unserer Reaktionen begründen sich jedoch im Unterbewusstsein. Wir haben verlernt achtsam zu sein, äußere Reize und unsere eigenen Gefühle darauf wahrzunehmen und Reaktionen bewusst zu steuern.

tanzen, Namibia, Outback, Freiheit, LebenslustAber was ist ein Gefühl? Was ist Wut, was ist Angst, was ist Freude, was ist Liebe, was ist Mitgefühl? Gefühle haben keine Form; wir nehmen diese Gefühle über unsere eigenen Körperempfindungen wahr; darüber, dass dein Körper auf eine bestimmte Art und Weise reagiert und eine bestimmte Empfindung in deinem Körper entstehen lässt, weißt du, wie du dich fühlst.

Vipassana bedeutet Beobachtung; des Atems, der Empfindungen, der Gefühle im eigenen Körper. Es geht um objektives Beobachten des eigenen Körpers, seiner Emotionen und der eigenen Reaktionen ohne zu bewerten. Achtsam mit sich und seinem Umfeld zu sein. Und ebenso geht es um die Konzentration und Fokussierung des Geistes; um Stille der Gedanken.

Namibia, Outback, Lara KunstNimmt man dem Geist all seine Ablenkung, all das, was ihm verspricht glücklich zu werden und versucht Ruhe in den ewigen Gedankenstrom einkehren zu lassen, so wird dieser absolut eskalieren. Die ersten drei Tage hatte ich das Gefühl, dass meine Gedanken schreien, wild um sich treten und wie ein bockiges Kind, um Aufmerksamkeit buhlen. Jeder Gedanke versucht besser als der vorherige und derjenige zu sein, der einen zum Zweifeln bringt. Vipassana lehrt einen jedoch den Geist zu fokussieren. Man beobachtet den Atem, die Berührungen des Luftstroms und nach und nach wird der Fokus des Geistes auf den ganzen Körper ausgeweitet. Dabei geht es nur um objektive Beobachtung; keine Bewertung, keine Ablehnung, kein Verlangen.

über den Wolken, Cape Town, TafelbergVipassana ist hart! Ich habe noch nie so viele Gefühle, aber auch noch nie so tiefes Glück, noch nie so tiefe Erfüllung empfunden. Eine Erfüllung, die nur aus mir entsprang. Denn es gab nichts im Außen, was mich ablenken oder glücklicher hätte machen können. Das wirkliche Glück, die wirkliche Zufriedenheit ist in uns.

über den Wolken, Freiheit, Lara Kunst, Cape Twon, TafelbergIch habe in diesen 10 Tagen gelernt, meinen Körper und Körperempfindungen mit wachem Geist zu beobachten und objektiv wahrzunehmen, wie sich Gefühle anfühlen; ich habe verstanden, dass Empfindungen kommen und gehen und ich habe meinen Körper dabei beobachtet, wie er auf einen Reiz mit bestimmten Empfindungen reagiert. Und ich habe gelernt, einfach nur damit zu sein.

Ich habe verstanden, was Achtsamkeit wirklich bedeutet. Nämlich äußere Reize und innere Empfindungen wahrzunehmen, bevor das Unterbewusstsein blind reagiert. Ich habe wirklich angefangen in mich rein zu hören, was ich wirklich brauche und festgestellt, dass alles bereits in mir ist.

Luftballons, Freiheit, Cape Town, Boo Kap, BataviaUnd ich habe gelernt, was für eine enorme Entschlusskraft ich habe. 10 Tage jeweils 11 Stunden täglich zu meditieren ist hart. Und noch härter ist es mit niemandem darüber reden zu können. Es kommt unweigerlich der Zeitpunkt, an dem dir dein gesamter Körper weh tut, wo alles schmerzt und dein Geist schreit und abbrechen will. Und dieser Zeitpunkt kommt jeden Tag ungefähr 20 mal. Aber ich habe gelernt den Schmerz, die Angst, die Wut, die Trauer wahrzunehmen und sie nicht meinen Schmerz, meine Angst, meine Wut, meine Trauer sein zu lassen; ich habe gelernt, dass mein Geist stärker als mein Körper ist und ich es einfach aussitzen kann. Und dann fängt man an sich selber wahrzunehmen und selber zu erfahren, dass selbst der größte Schmerz, die größte Angst, das größte Glück, all das vergeht.

Denn alles verändert sich; immer, stetig und ständig. Alles kommt und geht vorüber. Alles, was wir haben, ist dieser Augenblick, den wir bewusst erleben sollten, akzeptieren sollten, wie er ist.

Einige Schüler fragen ihren Zen-Meister warum er so zufrieden und glücklich ist. Der Zen-Meister antwortet: „Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich liebe, dann liebe ich …“

„Das tun wir auch, antworteten seine Schüler, aber was machst Du darüber
hinaus?” fragten Sie erneut. Der Meister erwiderte: „Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich
gehe, dann gehe ich, wenn ich…“

Wieder sagten seine Schüler: „Aber das tun wir doch auch Meister!“

Er aber sagte zu seinen Schülern: „Nein – wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.“

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